Eine Reise mit Juan Gabriel Vásquez durch seine kolumbianische Heimat verläuft über eine literarische Landkarte, an der er selbst mitschreibt: vom Pass von Quindíu, wo Alexander von Humboldt die Anden überquerte, zur Villa in Cartagena, in der Gabriel García Márquez lebte, vorbei am ausgebrannten Anwesen von Carlos Lehder, der in der Serie Narcos Kokain in die USA fliegt, zu einem Billard-Salon in Bogotá, der in seinem eigenen Roman Das Geräusch der Dinge beim Fallen eine wichtige Rolle spielt.
In Das Geräusch der Dinge beim Fallen (2011) erzählt Juan Gabriel Vásquez’, wie die Recherchen seines Protagonisten in die Zeit der Drogenkriege Pablo Escobars während der 1990er Jahre führen. Der Roman wurde zur Schullektüre. Eine Verfilmung ist angekündigt. In seinen Werken erforscht Vásquez immer wieder die Gegenwart der Gewaltgeschichte seines Heimatlandes: Traumata und Erinnerungen, die so spannend aufgedeckt werden, als läsen wir Detektivgeschichten.
Die Informanten (2004) handelt von deutschen Exilanten während der Nazizeit, Die geheime Geschichte Costaguanas (2007) von der Sezession Panamas infolge von Bürgerkriegen, Die Reputation (2013) von der unheimlichen Macht eines Karikaturisten und Die Gestalt der Ruinen(2015) von politischen Attentaten und der Ermordung des linken Politikers Jorge Eliécer Gaitán. Nachdem seine Romane bereits in rund 30 Sprachen vorliegen, werden auch Vásquez’ neuere Werke ins Deutsche übersetzt werden: Volver la vista atrás (2020, Den Blick zurückwenden), Los nombres de Feliza (2024, Die Namen von Feliza), Esto ha sucedido (2026, Das hat sich ereignet).
In einem Hörraum der Universität Bern erläutert Juan Gabriel Vásquez in elegantem Englisch seine Theorie des Romans, anstelle eines Manuskripts hält er ein iPad in der Hand. In der ›DNA‹ der Gattung erkennt er vier ›Gene‹: das komische, das tragische, das essayistische und das pikareske. Mit dem spanischen Begriff »pícaro« wird der Schelmenroman bezeichnet. Indem dieser aus der Sicht eines einfachen Menschen erzählt, fördert er bei den Lesenden die Einfühlung in Ihresgleichen. Miguel de Cervantes’ Don Quijote, in dem alle vier Elemente zusammenkommen, ist für Vásquez der erste moderne Roman.
In seinem wöchentlichen Seminar über »Die Kunst des Romans« liest der kolumbianische Schriftsteller als Berner Gastprofessor mit seinen Studierenden Klassiker wie Robinson Crusoe, Madame Bovary, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Hundert Jahre Einsamkeit, Werke von Fjodor Dostojewski, Virginia Woolf, William Faulkner, Thomas Bernhard und W. G. Sebald. Er führt ein Video-Interview mit seinem spanischen Kollegen Javier Cercas und empfängt den österreichischen Autor und Historiker Philipp Blom. Das Ergebnis seiner Berner Vorlesungen erscheint zunächst auf Spanisch und nun auch auf Deutsch: Reisen mit weißer Landkarte – Die Kunst des Romans. uniAKTUELL präsentiert vorab Auszüge daraus.

Neben seinem Seminar hatte Juan Gabriel Vásquez an der Universität Bern eine Podiumsdiskussion und einen Workshop mit Doktorierenden, außerdem eine Lesung in der Buchhandlung LibRomania und eine Veranstaltung im Literaturhaus Zürich. Die Dürrenmatt Gastprofessur bringt Weltliteratur nach Bern – an die Universität und in die städtische Öffentlichkeit sowie darüber hinaus in andere Orte der Schweiz.
Und sie hinterlässt nachhaltige Spuren. Neben den Vorlesungen von Juan Gabriel Vásquez gingen aus der Gastprofessur weitere Bücher hervor: David Wagner aus Deutschland gab mit seinen Studierenden ein Bernbuch (2015) heraus, das die Stadt auf experimentellen Spaziergängen erkundet; Wendy Law-Yone aus Burma erzählt in Dürrenmatt and Me (2021), wie sie nach einem Militärputsch vom Studium ausgeschlossen wurde und mit Dürrenmatt Deutsch lernte; Abdourahman Waberi aus Djibouti verfasste ein autobiographisches Memoir über sein Verhältnis zu dem französischen Politiker Jean-Luc Mélenchon, Autoportrait avec Mélenchon (2025), das großenteils in Bern spielt; und der neue Band mit Erzählungen der Polin Joanna Bator hat eine Berner Titelgeschichte: Die Flucht der Bärin (2026).
Für die Anthologie Vom Dorf um die Welt und zurück. Eine Hommage an Friedrich Dürrenmatt in Geschichten, die Beiträge der ersten 15 Gastprofessor’innen versammelt und 2021 im Diogenes Verlag veröffentlicht wurde, schrieb Juan Gabriel Vásquez eine Kurzgeschichte, in der er seine Erfahrungen in Bern verarbeitet hat: »Die Gäste«. Zusammen mit seiner Familie wohnte Vásquez zufällig in einem Haus, in dem einst die Tochter von Josef Stalin untergetaucht war. Für den Schriftsteller war dies ein neuer Anlass, von Nachforschungen zu erzählen, die aus der Gegenwart in die Geschichte führen und die Geschichte in der Gegenwart sichtbar machen: als Reisen auf einer literarischen Landkarte durch die Welt und durch Bern.
Oliver Lubrich ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik am Institut für Germanistik sowie Initiator und Projektleiter der «Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur». Er forscht zu Reisen in Diktaturen, hält Vorlesungen zur griechischen Tragödie, publizierte John F. Kennedys Tagebuch, spielt Fussball vorne links und gibt die Werke Alexander von Humboldts heraus. Homepage Universität Bern | Homepage Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur | Dürrenmatt Gastprofessur auf THoR
Referenzen:
Juan Gabriel Vásquez, Reisen mit weißer Landkarte – Die Kunst des Romans. Berner Vorlesungen, übersetzt von Susanne Lange, Frankfurt: Schöffling Verlag 2026.

